Weil Teilhabe von Teilen und Haben kommt

Veröffentlicht auf von Jan Koch

Oder: Wie Ferienlager Beteiligung fördern

Foto: Falk Meinel - Törnplanung auf dem Segelschiff

Ferienlager – oder offiziell Kinder- und Jugenderholungsmaßnahmen – bieten in der pädagogischen Praxis gleich zwei Formen der Teilhabe. Zum einen die Beteiligung an einem wichtigen Teil des gesellschaftlichen Lebens, dem Reisen, zum anderen die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an Entscheidungsprozessen während der Reise.

Dass Kinder auf Reisen gehen, war nicht immer schon selbstverständlich. Es waren z.B. die Pfadfinder, Naturfreunde, Kirchen und die Arbeiterbewegung, die mit Beginn des letzten Jahrhunderts Kindern in den Sommerferien Erholung ermöglichten. Prägend waren auch reformpädagogische Ansätze, die Schule ins Grüne zu verlagern, aus denen sich später die, heute nicht mehr wegzudenkenden, Klassenfahrten, aber durchaus auch erlebnispädagogische Ansätze entwickelt haben. Bleiben wir in unserer Betrachtung jedoch bei den klassischen Pfadfinder- und Ferienlagern, den heutigen Kinder- und Jugenderholungsmaßnahmen.

Zunächst: Für viele Erwachsene und Familien waren Erholungsreisen alles andere als allzeit selbstverständlich. Gerade die massentouristisch geprägten südeuropäischen Destinationen wie Mallorca und andere, waren in den 70er Jahren der Bundesrepublik ein wichtiger Ausdruck von Wohlstandsverbesserungen und einer Demokratisierung! Derartige Fernreisen wären für einen Arbeiter oder einfachen Angestellten zuvor kaum denkbar gewesen. Kindern heute also die Möglichkeit des Reisens zu verwehren, insbesondere vor dem Hintergrund des nach der UN-Kinderrechtskonvention verbrieften Rechts auf Erholung, bedeutete demzufolge die Zurücknahme einer positiven Demokratisierungs- und Wohlstandsentwicklung.

Das Verstehen fremder Kulturen, die Förderung von Respekt und Toleranz gegenüber anderen Menschen am Reiseziel sind nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist die für die Kinder und Jugendlichen recht intensiv gebotene Möglichkeit, in einer Gruppe und von einer Gruppe zu lernen, die eigenen Interessen und das eigene Verhalten zu artikulieren und zu reflektieren. In einer pädagogisch bewusst und geschickt geführten Ferienlagergruppe lässt der Erfolg auch nicht lange auf sich warten.

Die Kinder können sehr schnell und wirkungsvoll lernen, mit geeigneten und durch sie leistbaren Mitteln ihre Interessen zu vertreten. Nicht selten wollen dabei eben diese „geeigneten“ und „leistbaren“ Mittel erst einmal erlernt werden. Nur gut, wenn die Jugendleiterinnen und Jugendleiter, oft selbst noch sehr jung, demokratische und partizipative Aushandlungsprozesse im Ferienlager nicht als Untergrabung ihrer Autorität verstehen. So fördert eine Kinder- und Jugenderholungsmaßnahme Partizipation nicht nur bei den Kindern und Jugendlichen!

Ferienlager bieten zudem eine wichtige Teilhabemöglichkeit für Mädchen (und Jungen) entgegen dem sonst nicht seltenen Phänomen Jugendarbeit = Jungenarbeit! Die Chancengleichheit besteht zunächst ganz objektiv durch den zumeist offenen Ausschreibungsprozess und den gleichberechtigten Eintritt eines jeden Kindes bzw. Jugendlichen in die Ferienlagergruppe. Vor Ort gibt es die Möglichkeit zu geschlechtsspezifischen Angeboten. Wichtig ist vor allem aber nicht nur die Gleichberechtigung an sich, sondern die Erziehung zu einem Bewusstsein für die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen. Denn Mitbestimmung durch Mädchen ist für Jungen nicht zwangsläufig selbstverständlich. Gemessen an der bisherigen Sozialisierung eines jeden einzelnen Mädchens oder Jungen, kann dies durchaus für Zündstoff sorgen.

Bei der Planung von Freizeiten gibt es einen äußerst wichtigen Aspekt: Jeder Veranstalter wird vor dem Gesetz (BGB, §§ 651ff) als Reiseveranstalter gleichbehandelt, egal ob Reisekonzern, gemeinnütziger Verein oder Kirche. Vereinfacht dargestellt: Fügt man wenigstens zwei Leistungen einer „Reise“ zusammen (etwa Übernachtung, Verpflegung, Programm, Bustransfer etc.), so wird diese Maßnahme vor dem Gesetz als Reise klassifiziert und der regelmäßige Veranstalter solcher Maßnahmen als Reiseveranstalter, ob er es will oder nicht!

Die Gesetze schreiben den Veranstaltern unter anderem klare Informations- und Leistungspflichten vor, also auch die klare Benennung der Reiseleistungen. Aus der Sicht eines Reisenden erscheint dies selbstverständlich, aus der Sicht eines Jugendleiters und dessen Kindern mit ganz eigenen Interessen in einem gruppendynamischen Prozess ist dies nicht ganz so einfach, insbesondere bei der Programmgestaltung, als Grundvoraussetzung von Partizipation während der Reise.

Die Kunst der Veranstalter sowie Betreuerinnen und Betreuer besteht hierbei gerade in der Beteiligung aller Reiseteilnehmer. Es liegt schnell auf der Hand, dass ein vorgegebenes – und von den Kunden bezahltes – Reiseprogramm nicht nach „Schema F“ durchgezogen werden kann, wenn die Kinder vor Ort daran kein Interesse haben. Einmal mehr steht hier das KJHG (vgl. oben) und die pädagogische Sinnhaftigkeit gegen gesetzliche Vorschriften, im konkreten Fall bezogen auf das Reiserecht nach den §§ 651ff BGB.

Am Beispiel des geänderten Reiseprogrammes, oder besser: einzelner (vielleicht sogar charakteristischer) Reiseleistungen in der Freizeitgestaltung, erwächst durchaus das Risiko einer Rückforderung an den Träger, allerdings aber auch die Chance zur Gestaltung eines partizipativen Programmkonzeptes, bei dem schon in der Reisebeschreibung klar gemacht wird, dass die Kinder und Jugendlichen den Verlauf und den Inhalt der Reise selbst mitbestimmen sollen und können.

Dies muss zwingend im Kontext zu einer entsprechenden pädagogischen, formaljuristischen und methodischen Befähigung der Jugendleiterinnen und Jugendleiter stehen.

Jan Koch in “Leitfaden für die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in Sachsen”, Hrsg. KINDERVEREINIGUNG Sachsen e.V. - Foto: Falk Meinel - Törnplanung auf dem Segelschiff

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